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Lesung mit Nebiye Uhlemayr


[12. Oktober 2011] Im Literaturhaus Allgäu: „Parwana“, Lesung mit Nebiye Uhlemayr. Musikalische Gestaltung: Meryem Aydın 







Am Mittwochnachmittag trafen etwa 100 Schüler unserer Schule im Literaturhaus Allgäu ein, um eine Lesung der Allgäuer Schriftstellerin Nebiye Uhlemayr anzuhören. Sie las aus ihrem autobiographischen Buch „Parwana“. Zwischen den einzelnen Kapiteln durften wir der gewaltigen Stimme unserer ehemaligen Schülerin Meryem Aydın lauschen, die zu den einzelnen Passagen des Buches stimmige Lieder präsentierte.

Die Autorin wurde in Istanbul geboren und zog mit 12 Jahren zu ihren Eltern nach Kaufbeuren. Sie machte zunächst eine Ausbildung als Friseurin, später eine als Bankkauffrau. Einige Jahre danach schloss sie zusätzlich ein Betriebswirtschaftsstudium ab und bekam eine leitende Position in ihrer Bank. Man könnte sagen, eine Bilderbuchkarriere in einem Land, wo tagtäglich über die Schul- und Integrationsprobleme türkischstämmiger Kinder und Jugendlichen diskutiert wird. Dann kam aber der große Schock: Diagnose Brustkrebs mit 33 Jahren. Nach der Überwindung der Krankheit fing sie auch beruflich eine neue Karriere an, diesmal als Künstlerin. Heute widmet sie ihre Zeit und ihre Kraft neben ihrem deutschen Mann und ihren beiden Töchtern der Malerei. Ihre ältere Tochter Yasemin begleitet und berät sie oft bei ihren öffentlichen Auftritten. Auch die Passagen, die sie uns vortrug, haben die beiden gemeinsam ausgewählt.

Im ersten Teil ihrer Lesung erzählte sie viele anekdotenhafte Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend. Wir bekamen einen Einblick in das Schulleben der damaligen Türkei, wo beispielsweise die Schüler jeden Morgen in Uniformen auf dem Schulhof antreten mussten, um die Nationalhymne zu singen.

Im Mittelpunkt des Buches steht die Liebesgeschichte zwischen Nebiye und Michael. Sie lernten sich in einer Computerfirma kennen, wo sie sich anfangs E-Mails schrieben. Nach ein paar flüchtigen Treffen in der Kantine wollte der Junge natürlich mehr. Aber wie sollte sie ihm erklären, dass sie - mit 23 Jahren - wegen ihres strengen Vaters nicht ausgehen und sich nicht einmal für einen Karatekurs anmelden durfte? Da könnte sie doch vom Trainer angefasst werden! Zu Hause einen Freund, und dazu einen deutschen, vorzustellen, das war einfach unvorstellbar! Statt Worten ließ sie die Kunst sprechen: Sie schauten den Film „Yasemin“ (daher der Name der älteren Tochter) an, in dem ein türkisches Mädchen in einer ähnlichen Situation steckt und schließlich mit ihrem Freund davonläuft. Michaels Plan stand bereits am nächsten Tag fest: Abhauen! Bevor sie den Plan in die Tat umsetzten, kam er mithilfe einer fingierten Geschichte bei ihr zu Hause vorbei: Er gab sich als angebliche Begleitperson einer Kollegin aus, der Nebiye die Haare schneiden musste. Er fand die Eltern nett und war von der türkischen Gastfreundschaft überwältigt!

Ein wildes Roadmovie über mehrere Kontinente nahm seinen Lauf. Sie fuhren über Rom nach Sizilien, wo sie eine italienische Hochzeit miterlebten. Die nächste Station war Tunesien. Hier entschlossen sie sich, eine Rundreise durch die Türkei zu unternehmen. Diese dauerte sieben Wochen lang.
Die vorläufig letzte Station der Reise war ihre Geburtsstadt Istanbul, wo sie bei ihrer Schwester unterkommen konnten.

Michael bekam einen lukrativen Job in der Schweiz, deswegen kehrten sie nach Deutschland zurück und zogen nach Konstanz. Kaum war sie in ihrer neuen Arbeit in einem Friseursalon warm geworden, kam die große Überraschung: Sie war schwanger! Für Michael Anlass genug, ihre Reiseroute durch einen weiteren Kontinent zu ergänzen: Sie machten eine zweiwöchige Reise durch die USA: New York, San Francisco, Los Angeles, einen Abstecher nach Mexiko, Las Vegas und schließlich Florida. Neben den zahlreichen Erlebnissen war das jedoch für eine schwangere Frau auch mit vielen Strapazen verbunden. Kein Wunder, dass sie irgendwann nicht mehr konnte, was an einem Abend in Las Vegas einen heftigen Streit zwischen den Beiden auslöste. Um die Versöhnung zu besiegeln, kam Michael auf die verrückte Idee, um drei Uhr in der Nacht in einer kleinen Kapelle zu heiraten. Sie verstand von der Trauung nur die beiden „Yes“-Worte, musste die Zeremonie wegen Übelkeit kurzzeitig verlassen, war aber am Ende glücklich und … todmüde.

Auf Michaels Drängen entschieden sie sich schließlich dazu, sich mit ihren Eltern zu versöhnen. Sie konnte ihren Augen und Ohren kaum glauben: Während sie in einer höchst emotionalen Stimmung mit den heftigsten Vorwürfen konfrontiert wurde, wurde ihr Ehemann von ihrem Vater herzlichst umarmt und mit „mein Sohn“ angesprochen. Das konnte die Freude über die gelungene Versöhnung trotzdem nicht richtig trüben.

Nebiyes Beispiel löste eine kleine Lawine aus, was sie an den Vorwürfen einiger türkischer Mütter festhalten konnte, nach denen sie daran schuld sei, dass auch ihre Töchter mit ihren deutschen Freunden durchgebrannt waren.

Die wichtigsten Inhalte der zweiten Hälfte des Buches hat sie nur kurz zusammengefasst: Die Freude über die Geburt der Tochter, ihre rasante berufliche Karriere, die schreckliche Diagnose und die Folgen.

Die letzten Sätze der Lesung klangen dementsprechend philosophisch: „Von Kind an strebte ich nach Freiheit, Abenteuern und Selbstverwirklichung. Ich wollte die ganze Welt und so viele Menschen wie möglich kennenlernen. Mit meiner Krankheit stellte ich jedoch fest, dass ich nicht einmal mich selbst kannte. Als es um mich plötzlich finster wurde, suchte ich nach einem Licht und fühlte mich wie ein Parwana, ein Nachtschmetterling. Ich fing an, mich mit mir zu beschäftigen und entdeckte das Licht in mir selbst.“

Fatma Aydın, Larissa Blechinger, Miloš Kojadinović, Anna Krey, Erika Litau, Gizem Özer, Lajos Fischer



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